GESCHICHTE LEHREN ODER EIN NATIONALES ROMAN KONSTRUIEREN?
Ein Vorwurf taucht immer häufiger in der französischen öffentlichen Debatte auf: Der Geschichtsunterricht in der Schule würde kein nationales Gefühl mehr formen, im Gegenteil. Aus einer kritischen, ideologisierten Perspektive dargestellt und auf die dunklen Kapitel der Vergangenheit fokussiert – Kolonisation, Sklaverei, Kollaborationen, staatliche Gewalt – sei die heutige Vermittlung der französischen Geschichte eher ein Instrument der Identitätsdekonstuktion als ein Träger kollektiven Stolzes.
Angesichts dieser Feststellung fordert ein Teil der Öffentlichkeit – Historiker, Intellektuelle, politische Verantwortliche – eine Rückkehr zum roman national: eine verbindende, verkörperte, heroische Erzählung in der Tradition der großen Historiker des 19. Jahrhunderts, allen voran Jules Michelet. Doch diese Forderung wirft eine grundlegende und vielleicht unbequeme Frage auf: Lehrt man mit diesem Modell überhaupt noch Geschichte?
EINE GESCHICHTE, DIE DEKONSTRUIERT: DER HEUTIGE VORWURF
Seit mehreren Jahrzehnten haben sich die schulischen Geschichtsprogramme tiefgreifend verändert. Unter dem Einfluss der Sozialwissenschaften, postkolonialer Studien und dem Willen, lange marginalisierte Erinnerungen einzubeziehen, hat sich der Geschichtsunterricht für eine Vielzahl von Perspektiven geöffnet. Triumphierende nationale Erzählungen haben einer nuancierteren, manchmal anklagenden Herangehensweise Platz gemacht.
Für ihre Kritiker hat diese Entwicklung einen Preis: Sie beraubt die Schüler einer gemeinsamen Erzählung, einer narrativen Kontinuität, in der sie sich wiedererkennen und verwurzeln könnten. Geschichte wird so zu einer Abfolge rückblickender Anklagen, einer Litanei kollektiver Fehler, unfähig, Bindung an eine nationale Gemeinschaft zu erzeugen. Das einst von der Schule gepflegte Zugehörigkeitsgefühl wäre damit verschwunden.
MICHELET UND DER ROMAN NATIONAL: EIN MODELL DES 19. JAHRHUNDERTS
Jules Michelet (1798–1874) ist wohl die emblematischste Figur dessen, was man als Geschichts-Epos bezeichnen könnte. In seinem monumentalen Histoire de France beschränkt er sich nicht auf die Wiedergabe von Fakten: Er inszeniert sie, dramatisiert sie und erfüllt sie mit einer kraftvollen patriotischen Emotion. Frankreich wird darin zu einer lebendigen Figur, einer kollektiven Seele auf dem Weg zu seinem Schicksal. Jeanne d’Arc, die Revolution, das Volk – alles wird zum Stoff einer großartigen und lebendigen Erzählung.
Dieses Modell war nicht auf Michelet beschränkt. Im 19. Jahrhundert bauten Historiker in ganz Europa ähnliche Erzählungen im Dienst der sich formierenden Nationalstaaten auf. Geschichte war damals offen politisch: Sie sollte verbinden, Identitäten formen und Grenzen legitimieren. Wissenschaftliche Strenge war nicht abwesend, aber sie war einem politischen und moralischen Projekt untergeordnet.
ROMAN NATIONAL UND GESCHICHTE: EINE ENTSCHEIDENDE GRENZE
Hier wird die Problematik unvermeidlich. Das Wort roman ist nicht neutral. In der Literatur ist der Roman ein fiktionales Werk – selbst wenn es sich auf reale Ereignisse stützt. Vom roman national zu sprechen bedeutet also zumindest implizit anzuerkennen, dass es sich bei der Erzählung nicht um Geschichte im strengen Sinne handelt: Es ist eine konstruierte, selektive, ausgerichtete Narration, die ihre Helden auswählt, Widersprüche ausblendet und Ereignisse verklärt, um einen Identifikationseffekt zu erzeugen.
Geschichte als Humanwissenschaft folgt radikal anderen Anforderungen: Quellenkritik, Auseinandersetzung mit Interpretationen, strenge Kontextualisierung, Akzeptanz von Unsicherheit und Komplexität. Sie will nicht berühren oder vereinen – sie will verstehen. Und dieses Vorgehen ist von Natur aus unvereinbar mit einer festgefügten Erzählung, sei sie glorreich oder opferhaft.
Zurück zum Unterricht à la Michelet zu gehen bedeutet also eine klare Wahl zu treffen: die soziale Kohäsion und das nationale Gefühl über die historische Wahrheit zu stellen. Diese Wahl kann politisch verteidigt werden. Aber man muss dann ehrlich zugeben, dass man nicht mehr ganz von Geschichte spricht – sondern von nationaler Mythologie, identitätspädagogik, einer als solche bewussten Gründungserzählung.
KANN MAN BEIDES VEREINBAREN?
Manche meinen, es sei möglich, ein Gleichgewicht zu finden: eine rigorose Geschichte zu lehren und gleichzeitig einen nationalen Erzählfaden zu bewahren, große Persönlichkeiten zu würdigen, ohne sie zu heiligen, dunkle Kapitel anzusprechen, ohne sie zum Kern der Erzählung zu machen. Dieser Mittelweg ist verlockend, setzt aber eine ständige Spannung zwischen zwei schwer vereinbaren Logiken voraus.
Denn sobald man sich entscheidet, bestimmte Ereignisse hervorzuheben statt andere, einen Helden statt eines anderen zu wählen, Größe statt Komplexität zu betonen, verlässt man das Feld der Wissenschaft und betritt das der Narration. Die Frage ist nicht, ob diese Wahl legitim ist – vielleicht ist sie es – sondern ob man bereit ist, sie klar zu vertreten.
FAZIT: GESCHICHTE OHNE KOMPROMISSE
Es gibt jedoch einen Weg, den weder die dekonstruierende Ideologie noch der roman national zu gehen scheinen: eine einfach faktische, rigorose und unparteiische Geschichte. Geschichte zu lehren, ohne das nationale Gefühl zu schmeicheln, aber auch ohne sich in rückblickender Anklage zu suhlen. Die Fakten so zu erzählen, wie sie sich ereignet haben, im Kontext, ohne anachronistische Urteile, ohne vorgefertigte moralische Agenda. Das ist anspruchsvoll. Vielleicht weniger spektakulär als ein Epos à la Michelet oder ein Gedächtnisprozess. Aber genau das darf man von einer Disziplin erwarten, die sich als Wissenschaft versteht.
Was das nationale Gefühl betrifft – wie man es aufbaut, wie man es vermittelt, auf welchen Grundlagen man es gründet – verdient diese Frage eine eigene Behandlung und wird Gegenstand eines kommenden Artikels sein. Denn wenn der roman national einen unvermeidlichen Anteil an Fiktion, ja sogar an bewusster Täuschung enthält, ist es nicht sicher, dass dies die beste Grundlage für eine dauerhafte kollektive Identität ist. Ein nationales Gefühl, das auf einer verschönerten Erzählung beruht, könnte sich als fragil erweisen, sobald die historische Realität ihm widerspricht. Vielleicht gibt es solidere und ehrlichere Grundlagen, die es zu erforschen gilt.